Sex und arbeit

Wie soll das hier kein menschenverachtender und latent selbstgerechter Text werden? Ich weiß nicht, ob und wie ich die Kurve kratze. Ich weiß auch nicht, welcher Teil von mir sich heimlich freudvoll daran reibt, an all der Respektlosigkeit, die mir als Frau in den Tiefen des Internets – das präziseste Abbild der Menschenseele, das wir momentan haben – entgegengebracht wird.

Aber von Anfang an.

Ich habe mir nichts Bösese dabei gedacht, als ich bei Ebay Kleinanzeigen (das deutsche „Willhaben“) mein Job-Gesuch announciert habe. „Bar-Job auf Minijob-Basis“ steht im Titel, es folgt ein lockerer Text über meine Erfahrung und meine Cocktailkenntnisse. Dazu ein Schwarz-Weiß-Bild, wo ich ein wenig verwirrt in die Kamera grinse.

Schon in den ersten Minuten der Onlinestellung wurde klar, dass die Interessenten alles missverstanden haben, was man an einem kurzen Text missverstehen kann. Als hätten sie gemeinschaftlich beschlossen, meine Barkeeper-Jobannounce wäre nur eine schlechte Tarnung für „JA, ich möchte unbedingt ein Nackt-Pferdefotoshooting machen“. Anfängliches Kichern mit der Mitbewohnerin über den Mann, der mit mir die Kristalltherme besuchen wollte, verwandelte sich in Unruhe und wuchs zu Ärger, Traurigkeit, Verwirrung.

Versteht mich nicht falsch! Ich bin keine von jenen FeministInnen, die (selbstgewählte) Sexarbeit als frauenverachtend betrachten. Go for it! Ich bin auch keine der Menschen, die offen oder insgeheim Prostitution „schmutzig“ finden. Natürlich bin ich wie alle Männer* und Frauen* dieser Gesellschaft Opfer vom Glauben an die Dichotomie Ehefrau – Hure. Oder, nach Alice Schwarzer, dasselbe in grün: Du bist entweder empowered und feministisch, oder ein deinen Körper verkaufendes armes Opfer der bösen Männer. Either way: Die Prostituierten – das sind die anderen. Aber tief in mir weiß ich – ich bin eine Hure, sowie die Sexarbeiterin Ehefrau ist (und beide sind wir in Wirklichkeit nichts davon – bzw so viel mehr).

Aber ich bin als Menschin ernsthaft gekränkt von der Respektlosigkeit, die mir entgegengebracht wurde. Nicht, weil ich keine „Hure“ sein will. Sondern weil mir keine Wahl gelassen wurde! Nur weil ich auf Jobsuche bin, möchte ich nicht von anderer Menschen Fetisch hören, geschweige denn, sie bedienen. Wieso gehen diese Kanditaten davon aus, es wäre okay, mich das zu fragen? Weil ich eine junge Frau bin? Weil ich eine Vagina habe? Weil „wir zahlen ja eh“ – und du brauchst Geld.

Wer sind diese Männer? Die Freier, die „Perversen“, diejenigen, die ungefragt sexuelle Inhalte an fremde Frauen schicken – sind das auch „die anderen“? Oder sind das meine Kollegen, Brüder, Freunde? Sind es die anderen Männer, die so etwas tun, oder sind es ganz normale Menschen, wie du und ich?

Marc ist ein Spaßvogel
„Wären max. 5 Minuten“

Und was wollen sie? Ich meine, was wollen sie wirklich? Er wäre nicht einsam, meint der Kristallthermentyp, er wäre sogar verheiratet. Er wollte nur Abwechslung.
Und der junge Mann, der freundschaftliche Begleitung möchte. Kein Sex, natürlich nicht, nur Kino, Sauna, DVD-Abend, aber Gott bewahre, kein Sex. Ich glaube, mir hat noch nie jemand so oft gesagt, dass er keinen Sex mit mir haben will. Kein Sex, kein Sex, kein Sorge! Aber 100 EUR pro Stunde.
Und der Typ, der eine Online-Freundin sucht. Er sei ja eh „normal“, in der IT beschäftigt und wolle einfach keine richtige Freundin, nur jemanden, der ihm regelmäßig sexy Nachrichten schickt. 200 EUR pro Woche für ein paar Nachrichten und ab und zu ein Foto? 800 EUR im Monat? Hey, das ist alles was ich brauche. Ich frage nach. Ein Fehler.

Ich will nicht mit dem moralischen Zeigefinger kommen (dem zeig ich ohnehin meine Fangzähne). Es handelt sich lediglich um eine massive Grenzüberschreitung. Nein, kein „fragen kann man ja mal“ oder „sei nicht so empfindlich“ oder – ganz fies – „sei nicht so prüde“. Das lasse ich nicht durchgehen. Auch die Würdelosigkeit in einer Nachricht, die aus „150EUR?“ besteht, kann als grenzüberschreitend empfunden werden.

Und dann wurde alles noch verwirrender.
Als ich anfing neugierig zu werden bei einigen der Anfragen und nachzufragen, wurden meine Grenzen schwammig. Wie – nur Videos? Nur gemeinsam ins Kino gehen? Was, nur ein Abendessen? Und einige der Nachrichten waren ja auch höflich formuliert. Die „guten“ Männer bemühten sich darum, klarzumachen, dass sie gepflegt wären, ganz normal, nur würden sie so viel arbeiten, da ginge sich ein Privatleben eben nicht aus.

Ich habe also ernsthaft überlegt. Das, was ein Freund kürzlich „Profit-mind“ nannte, schaltete sich ein. Freundlich sein kann ich gut, dachte ich. Wieso also nicht Geld damit machen? Und mein Kopf überlegt munter vor sich hin, wie ich die armen, einsamen Seelen, die nur Freundschaft wollen, soweit manipulieren kann, dass sie möglichst lange möglichst viel zahlen, ohne dass ich körperlich mit ihnen werden muss. Mein Vorteil: Ich bin ja eine von den guten Frauen, also kann ich kokett damit spielen „Sex? Huch, ich bin entsetzt!“ 

Genauso wie diese guten Männer sicher, sicher keinen Sex von mir wollen, will ich sicher, sicher nicht mit ihnen für Geld schlafen.

Und somit wurde der kollektive männliche* Schatten, der mir da entgegenschlug zu meinem eigenen Schatten. Was antwortet da eigentlich in mir, sogar auf die frechen Nachrichten und wieso? Was ist entrüstet, was neugierig? Was in mir fängt an im Kopf zu überschlagen, was ich tun müsste, um das Monat finanziell zu überstehen?

Gescheiterte Kristallthermen-Handels-Versuche

Ja, ich bin verwundert über diese vielen Nachrichten, die mich zwei Tage ununterbrochen auf Trab gehalten haben. Verwundert über meine Reaktion, die Gradwanderung zwischen Neugierde und Ablehnung. Verwundert über alle Scheinheiligkeit und Dreistigkeit – meine und die der Männer. Verwundert über diese ganze Welt, der ich scheinbar bis dato nicht angehört hatte und in der ich mich dennoch sofort zurechtfinde und in einer Art Wahn beginne, mitzumachen.

Was wollen sie eigentlich, diese Männer? Also was wollen sie wirklich? Ich denke „Druckablassen“ ist nicht (nur) die Antwort. Die Männer, das sind keine Täter, die sind nicht böse. Vorsicht Klischee, aber vielleicht ist der eine oder andere auf der Suche nach einem warmen, weichen Busen, der ihnen für einen Moment das Gefühl gibt, dass sie nicht schlecht sind, nicht wertlos, dass sie nichts leisten müssen, um angenommen zu werden. Das, was mir als „verdorben“ vorkommt und mich so sehr beschäftigt, ist nicht Lust, Erotik oder der Wunsch nach sexuellem Kontakt. Es ist dieses Muster, das aus Angst, Isolation und indivuellen sowie kollektiven Wunden entsteht (die ich auch gut kenne) und sich in vermeintlich fehlender Wertschätzung ausdrückt. Statt echten Kontakt zu suchen, werden Menschen gekauft. Das passiert wohl aus einer Not und einem Unvermögen heraus, an dem wir alle -paradoxerweise- schuldig und unschuldig zugleich sind. Und dieser Abklatsch von Lust, der mir da durch die Tiefen des Internet entgegenschlägt, er gilt nicht mir, ja nicht einmal einer echten Frau. Er betrifft lediglich ein Phantom.

Leider habe ich keine Lösung und dieser Artikel endet auch abrupt und ein bisschen planlos. Tätersein, Opfersein…. die Reste des Patriarchats, der Kapitalismus und die Verwertbarkeit von Liebe macht uns alle gleichermaßen zu Verlierern.
Doch wenn wir uns aus den obersten Schichten unserer ignoranten, körperfeindlichen Kultur herauswinden (und das passiert ja bereits) – kann es passieren, dass es für erkauften Kontakt keinen Bedarf mehr gibt, weil alle genug davon haben, und zwar gratis.  

Teresa Verfasst von:

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